Wie funktioniert 3D-Animation? Der Experte erklärt’s im Video.

Montag, 20. Februar 2012, 18:18 Uhr

Hugo Cabret fesselt bereits seit dem 9.2. die Kinozuschauer. Konntet Ihr das 11-fach Oscar®-nominierte Meisterwerk von Martin Scorsese auch schon in 3D bewundern? Dann seid Ihr vielleicht auch neugierig, wie die Spezialisten auf der Leinwand mit einem Zug einen halben Bahnhof zerstören, während echte Schauspieler gerade noch wegspringen? Wir waren neugierig, wie 3D-Animation funktionier. Und haben nachgefragt – bei Thilo Ewers, VFX (visual effects) supervisor von der deutschen Effektschmiede Pixomondo, die in der Rubrik beste visuelle Effekte für den Oscar® nominiert sind.

Erst einmal Glückwunsch – Sie sind an dem Meisterwerk beteiligt gewesen, das jetzt für 11 Oscars® nominiert ist. Wie fühlt sich das an?
Toll natürlich. Wenn man mit 3D-Animation anfängt, ist eine Oscar®-Nominierung in dem Bereich natürlich das höchste der Gefühle – mal abgesehen vom Oscar® selbst (lacht). Obwohl man selbst am Endprodukt über Tage und Stunden beteiligt war, ist das alles recht unwirklich. Selbst Ben Grossman geht es so. Und er ist als Supervisor letztendlich der Nominierte. Ich werde das erst dann begreifen, wenn ich unsere Leute bei der Preisverleihung sehe.

Sie und Ihr Team sind für 80 Prozent der Animationseffekte von Hugo Cabret verantwortlich. Wie viel Zeit steckt da drin?
Die Zahlen sind schon sehr imposant. Wir haben etwa 432 Tage daran gearbeitet. Vor allem in Los Angeles, Stuttgart und London – insgesamt in neun Städten auf drei Kontinenten. 483 Leute haben insgesamt 854 Szenen gemacht, was am Ende 62 Minuten des Films entsprach.

Apropos “Zeit“: Wie lange dauert es, bis man einen Film wie Hugo Cabret filmreif in 3D animieren kann?
Die Grundlagen habe ich beim Fernsehen gelernt und mich selbstständig eingearbeitet, wie viele junge Leute heutzutage. Bei mir ging das schon zu Schulzeiten damit los. Danach habe ich an der Filmakademie Baden-Württemberg studiert. Von dort habe ich auch meine Grundkenntnisse über das filmische Erzählen und Kameraführung. Das braucht man, um das Handwerk nachher besser ausführen zu können. Und Handwerk ist – neben der Kreativität – der größte Teil meines  Jobs. Jetzt bin ich 30, das heißt, ich arbeite seit etwa 15 Jahren mit der Materie.

15 Jahre üben?!
Naja – nach zwei, drei Jahren hat man schon ein Niveau erreicht, mit dem man ganz gut arbeiten kann. Komplette Szenen kann man dann vielleicht noch nicht filmreif animieren – aber wichtige Bestandteile davon. Bei uns (Pixomondo, Anm. d. Red.) haben an Hugo Cabret ja auch jüngere Talente mitgearbeitet.

Was war die große Herausforderung bei der Umsetzung von Hugo Cabret in 3D und was hat am meisten Spaß gemacht? Wie war die Zusammenarbeit mit dem Team um Regisseur Martin Scorsese?

Martin Scosese bei den Dreharbeiten zu Hugo Cabret

Martin Scosese bei den Dreharbeiten zu Hugo Cabret. Bild: © Paramount Pictures

Es gab sehr viele Herausforderungen. Die größte war, viel Arbeit in einer kurzen Zeit zu schaffen. Wir haben zum Beispiel den Großteil des Bahnhofs digital nachbauen müssen. Die sehr genauen Vorstellungen und Vorgaben von Herrn Scorsese waren dabei für uns sowohl Fluch als auch Segen. Auf der einen Seite musste alles bis ins kleinste Detail passen. Durch die konkreten Vorgaben konnten wir aber auch vermeiden, dass wir alles mehrmals ändern mussten.

Wie kann man sich das vorstellen: Wurden Fotos von einem Bahnhof gemacht und ihr macht dann das Ganze in digital auf alt?
Unser Supervisor hat erst einmal mehrere Bahnhöfe in Paris abgeklappert und -fotografiert. Das Art-Department der Produktion machte daraufhin zusammen mit Martin Scorsese Designvorschläge. Da geht es dann um Säulen, die ganzen verschnörkelten Reliefs, Lampen usw. Wir nehmen dann die Fotos als Basis, die Pläne des Art-Departments als Ziel – und bauen jeden Bestandteil in dem Bahnhof auf „alt“ nach.

Wie funktionieren Visual Effects? Können Sie das bitte einmal für unsere Leser anhand einer Szene aus diesem Filmclip erklären?
Nehmen wir doch die Szene bei 1:47, in der Sacha Baron Cohen den Bahnsteig entlang humpelt:

Was wir machen, ist Folgendes: Wir bekommen das Original-Videomaterial – das ist alles, was im Bild nicht grün ist. Weil es direkt in 3D gedreht wurde, bekommen wir sogar das Videomaterial von zwei Kameras: Einmal für das linke Auge und einmal für das rechte Auge. Die Kameraeinstellungen gleichen wir dann mit unserem digital nachgebauten Bahnhof ab – und dann bauen wir es zusammen. Alles, was grün ist, blenden wir aus und dafür den digital (nach)gezeichneten Bahnhof ein (1:50). Danach (1:52) setzen wir andere „Layer“, also Design-Ebenen darüber: Texturen, Farben und Licht. Wenn man die Szene weiter verfolgt, fährt die Kamera hoch. Dabei fährt man durch Rauchschwaden, die auch z.B. am Computer generiert und eingesetzt wurden. Schlussendlich fährt der Zug unter Hugo durch, der auch komplett am Computer entstanden ist. „Compositing“ nennt man den Arbeitsschritt, wo alle Ebenen zusammengebaut und – beispielsweise farblich – aufeinander abgestimmt werden.

Warum macht man nicht alles gleich digital?
Das hat Kostengründe. Aber auch den Schauspielern würde man keinen Gefallen tun: Wenn er reale Dinge zum „anspielen“ hat, wirkt alles authentischer. Szenen mit rein digitaler Umgebung nimmt man eher dann, wenn es nicht anders geht. Wie zum Beispiel in der Szene, in der Hugo im Albtraum zum Automaton wird (4:40). Wenn wir Bestandteile von seinem Körper entfernen, sollten wir das besser nur in digital machen (lacht).

Hugo Cabret - Asa Butterfield als Automaton

Hugo Cabret – Asa Butterfield als Automaton. Bild: © Paramount Pictures

Wie viel Zeit steckt in der effektvollen Szene, wo die Lok durch die ganze Halle fährt (04:10)?
Puh –  viel (lacht). In etwa ein Monat, würde ich sagen.

Ärgern Sie sich, wenn die Kinobesucher „nur“ den Zug wahrnehmen, und kaum die effektvollen Details außen rum?
Meine Einstellung ist: Der beste Effekt ist der, den man nicht sieht.

Aber passiv nehmen ihn die Zuschauer wahr?
Sagen wir es so: Wenn das Detail nicht da wäre, denkt man sich zumindest „irgendetwas ist komisch bzw. fehlt“.

Welcher Arbeitsschritt hat Ihnen am meisten Spaß gemacht?
Das Erfinden von ganzen Welten. Das war auch mein Job bei Hugo Cabret. Dieses Paris (2:46), das wir da sehen, gibt es ja eigentlich gar nicht mehr. Klar sieht Paris immer noch relativ alt aus, aber es gibt viele Dinge, die sich verändert haben. Wir haben das Paris von 1930 im Computer erschaffen und dann für die Szenen auf alt gemacht.

Hugo Cabret - Animiertes Paris

Hugo Cabret – Animiertes Paris. Bild: © Paramount Pictures

Wie geht das?
Wir haben sehr viel in Paris fotografiert. Dann haben wir angefangen, Grundprinzipien zu schaffen, wie sehen Häuser aus usw. Daraus entstand ein Bausatz aus verschiedenen Häusern, Straßen und Zügen. Daraus ist dann letztendlich alles entstanden – ein großer Spaß. Für die Szene bei 2:54 haben wir mit vier Leuten etwa vier Wochen lang gearbeitet. Dort sieht man den Bahnhof von draußen. Und um mal mit einem Klischee aufzuräumen: Es ist nicht so, dass der Computer alles macht. Man muss ihn noch bedienen und viele, viele Probleme kreativ lösen. Wir hatten zum Beispiel das Problem, dass der Computer aufgrund der Datenmengen an seine Leistungsgrenze kommt.

Bitte wenden Sie Ihren Blick von Paris zur Glaskugel: Wie geht es weiter mit der Romanze zwischen Kino und 3D? Werden in Zukunft alle Filme in 3D produziert?
Ich glaube, dass es immer auf das Thema ankommt, mit dem sich der Film beschäftigt. 3D wird meistens nur benutzt, wenn es dem Film was bringt, notwendig ist oder zum Thema passt. Hugo musste in 3D sein, allein schon wegen dem Themenschwerpunkt „Entstehung des Kinos“ und der Tricks – es war nur logisch, ihn so zu machen.

Die Besucherzahlen in 3D Filmen sind etwas zurückgegangen. Liegt es am Preis?
Ich denke nicht, dass es am Preis liegt. Meine Vermutung ist, dass viele Leute von den Filmen enttäuscht waren, die nur in 2D gedreht und dann nachträglich auf 3D gemacht wurden. Das hat man den Filmen teils angesehen, da hat vielleicht ab und zu der WOW-Effekt gefehlt.

Denken Sie, dass in Zukunft wieder mehr Filme direkt in 3D gedreht werden?
Mittlerweile gibt es kaum noch einen Blockbuster, der nicht gleich in 3D gedreht wird. Und dann mach ich mir um den WOW-Effekt auch keine Sorgen.