“Besonders wertvoll”? Sagt wer?

Dienstag, 5. Juni 2012, 10:05 Uhr

Zwei Freunde sitzen im Kino und der Abspann beginnt. Beide sagen wie aus einem Munde: „ich bin baff“. Doch während der eine damit meint, dass der Film erfrischend anders und unglaublich gut war, meint der andere, dass der Film schlichtweg gähnend langweilig war. Ging Euch das auch schon einmal so? Die Geschmäcker sind verschieden und eine objektive Bewertung von Filmen ist sehr schwierig. Woher soll man dann aber vor dem DVD-Kauf oder dem Gang ins Kino wissen, ob ein Film Geld und Zeit wert ist?

Auf manchen Filmplakaten klebt der Hinweis „wertvoll“ oder sogar „besonders wertvoll“ der Deutschen Film- und Medienbewertung (FBW). Schon einmal darauf geachtet? Dann gehörst Du zu den 42 Prozent der Deutschen, die diese Prädikate kennen. Eine Umfrage der  Filmförderungsanstalt (FFA) hat herausgefunden, dass über ein Fünftel der Deutschen (22 %) das Prädikat „besonders wertvoll“ zum Anlass nehmen, sich einen Film im Kino, auf DVD oder Blu-ray anzusehen. Grund genug, einmal genauer hinzusehen: was macht einen Film „wertvoll“? Wer entscheidet das? Und: wozu braucht es eine solche Auszeichnung? Kann doch schließlich jeder selbst entscheiden, was er sich ansieht!

FBW - Prädikate

Bilder: http://www.fbw-filmbewertung.com/

Blockbuster-Äpfel und Low-Budget-Birnen 

Da Äpfel bekanntlich nicht mit Birnen verglichen werden sollen, lautet die Kernfrage bei der FBW-Bewertung: Ragt der Film innerhalb seiner Gattung raus? Logisch, denn etwa der Anspruch an die Technik, wie im Bereich Trick/Animation, ist bei modernen Actionfilmen natürlich hoch . Bei einer Dokumentation spielt er eine eher untergeordnete Rolle. Die Kriterien zur Filmbewertung –  „Stoff“, „Form“ und „Filmgestalt im Ganzen“ – werden also immer an der direkten filmischen Konkurrenz gemessen. Direkte Konkurrenz heißt auch, dass die FBW „Leichtgewichten“ aus dem Low-Budget-Bereich dieselben Chancen wie Dollar-schweren Hollywoodblockbustern gibt. Beim Boxen würde man sagen: Kontrahenten einer Gewichtsklasse.

Die Gutachter haben zwar die Pflicht, Filme “unparteiisch” und “nach bestem Wissen und Gewissen” zu bewerten. Eine abstrakte, faire Bewertung der künstlerischen Qualität ist jedoch schwer. Um die Beurteilung so objektiv wie möglich zu machen, gibt es innerhalb der Oberkriterien kleine, konkrete Merkmale.

Prädikat für die Wochenschau?

Das fängt beim Filmstoff an: Ist er originell? Ist er zeitkritisch? Ist er sachlich richtig? Ein Film in historischem Kontext wird also auch daran gemessen, ob geschichtliche Fakten korrekt wiedergegeben wurde – bei RUSSENDISKO etwa der Mauerfall. Beim Kriterium „Form“ werden künstlerische und handwerkliche Qualität von Drehbuch, Regie, Kamera, Schnitt und Ausstattung beleuchtet. Bei der „Regie“ geht es etwa darum, wie das Drehbuch ins Bild umgesetzt wurde, bei „Kamera“ z.B. darum, wie Blickpunkt und Bewegungen der Kamera für die Dramaturgie genutzt wurden. Dazu kommen Besetzung und Darstellung sowie „besondere Techniken“ wie digitale Tricks und Montagetechniken, welche etwa für die Einstufung von Filmen wie HUGO CABRET besonders wichtig sind.

Die Gutachter haben zwar die Pflicht, Filme “unparteiisch” und “nach bestem Wissen und Gewissen” zu bewerten. Eine abstrakte, faire Bewertung der künstlerischen Qualität ist jedoch schwer. Um die Beurteilung so objektiv wie möglich zu machen, gibt es innerhalb der Oberkriterien kleine, konkrete Merkmale.

FBW - Prädikatskarte

Bilder: http://www.fbw-filmbewertung.com/

Bei der „Filmgestalt im Ganzen“ ist besonders das Verhältnis zwischen Stoff und Form und die Frage, ob die Gestaltungselemente angemessen sind, entscheidend. Im Klartext: Um was geht es und passt die filmische Umsetzung dazu? Beispiel Komödie: Hier ist die Frage, ob es der Film mit seinen inhaltlich/dramaturgischen und seinen filmischen Mitteln schafft, Komik zu erzeugen? Durch überraschende Wendungen, das Schauspiel,  spritzige und pointierte Dialoge? Bei einem Historienfilm wird stärker als bei anderen auf  authentische Ausstattung, Kostüme und Schauplätze geschaut, aber auch die passende Musik, Bild- und Lichtdramaturgie spielen eine große Rolle. Hingegen ein Abenteuer- und Actionfilm lebt vom Spannungsgehalt, dem Tempo.

Wenn der Film besonders erfinderisch und originell und nicht einfach nur „Schema F“ ist, steigert das auch die Chancen für ein Prädikat. Filme, die keine filmkünstlerischen Gestaltungsmerkmale aufweisen, sondern wie z.B. Wochenschauen im Fernsehen nur das aktuelle Tagesgeschehen wiedergeben, fallen gleich ganz raus. Das Kriterium „künstlerische Gestaltung im Zusammenhang mit den sittlichen Grundlagen der Kultur“ ist besonders für Eltern interessant. Ebenso, dass Filme, die „das sittliche oder religiöse Gefühl verletzen“, kategorisch von der Bewertung ausgeschlossen werden.

To-Do für heute: 3,7 Filme ansehen

Und wer hat jetzt die „Macht“, das Prädikat zu vergeben? 85 ehrenamtlichen Spezialisten, die von den Bundesländern entsendet werden. Dazu gehören Filmkritiker, Vertreter von Filminstitutionen, Filmprofessoren und andere Experten – allesamt dürfen keine (monetären) Interessen hinsichtlich eines Filmes haben. Jeweils fünf davon treffen sich an zwanzig Wochen im Jahr je für vier Tage im Schloss Biebrich in Wiesbaden. Im hauseigenen Filmsaal der FBW wird dann regelmäßig so mancher private DVD-Serienabend in Sachen Dauer in den Schatten gestellt: Bei 195 Filmen im letzten Jahr bedeutet das: hier liefen 3,7 Filme pro Tag. Die Experten sind ehrenamtlich für die FBW tätig. Da sich die FBW, eine obere Landesbehörde, jedoch selbst finanzieren muss, erhebt sie für die Bewertung Gebühren. Der einreichende Filmverleih bezahlt für den zu begutachtenden Filmmeter 82 Cent. Bei 90 Minuten macht das dann 1.850 €, bei 10 Minuten 200 €.

FBW - Filmsall und Logo

Rechts: Der FIlmsaal der FBW
Bilder: http://www.fbw-filmbewertung.com/

Und wozu der ganze Aufwand? Die FBW hat es sich auf die Fahnen geschrieben, das Dickicht aus 500 Kinostarts und 10.000 Veröffentlichungen bei DVDs und Blu-rays im Jahr in Deutschland übersichtlicher zu machen. Neben der Masse an Bewertungen von Profi- und Hobbyfilmkritikern sollen die Auszeichnungen „wertvoll“ und „besonders wertvoll“ eine möglichst sachliche und objektive Orientierung geben. Diese Orientierungshilfe findet Ihr neben diversen FBW-eigenen Onlineauftritten auch auf den Filmplakaten und Internetseiten von etwa der Hälfte aller 4500 deutschen Kinos.

Bleibt noch die Frage, wo der Unterschied zwischen „wertvoll“ und „besonders wertvoll“ ist: Das Prädikat „wertvoll“ wird von den Jurys für überdurchschnittlich gute Filme vergeben. Stellt dieses Prädikat schon eine hohe Auszeichnung dar, setzt das „besonders wertvoll“ noch ein Sahnehäubchen drauf. Die Begründungen für die Entscheidungen veröffentlicht die FBW direkt über ihre Homepage. Häufig schon Wochen vor Kinostart.